Arbeitsrecht & Soziales

Midi­job: Ge­schickt die Gleitzone zwi­schen Mini­job und Voll­zeit ausfüllen

Betrie­be und Be­schäf­tig­te nut­zen die Gleit­zo­ne, den so­ge­nann­ten Über­gangs­be­reich. Das er­for­dert gu­tes Rech­nen – ge­ra­de we­gen des Min­dest­lohns. Wer den Spiel­raum für mehr Flexi­bi­li­tät und we­ni­ger So­zial­ab­ga­ben wünscht, soll­te An­walt und Steu­er­be­ra­ter fragen.

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In vielen Unternehmen läuft die Einsatzplanung für Mitarbeiter derzeit auf Sparflamme. In manchen Organisationen allerdings sind Kräfte jeder Art hoch begehrt, etwa in Gesundheitsämtern, Impfzentren oder der Pflege. Aber unabhängig von Corona sollte jeder Firmenchef prüfen, wie bei ihm generell der richtige Mix aus Minijob, Midijob in Übergangsbereich beziehungsweise Gleitzone sowie Vollzeit aussehen könnte. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Beschäftigte im Minijob, die dauerhaft mehr arbeiten wollen – in einem Midijob. Eine Gesetzesänderung macht das seit Juli 2019 attraktiver. Der Gesetzgeber hat die für den Midijob-Bereich gültige Gleitzone erweitertauf 450,01 Euro bis 1.300 statt zuvor 850 Euro Monatseinkommen. Diese Regelung bietet Beschäftigten einige Vorteile – das zeigt der Blick in Gleitzonenrechner. Arbeitgeber profitieren ebenfalls. Doch sie müssen an den Mindestlohn denken – und ab Januar gegebenenfalls im Halbjahresrhythmus die Stundenzahl der neuen Lohnuntergrenze anpassen. Das ist wichtig mit Blick auf Prüfungen durch die Rentenversicherung. Unternehmerinnen und Unternehmer sollten das Thema mit dem Steuerberater durchsprechen.

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Zwischen Mini­job und Voll­zeit – das gilt in der Gleitzone

Innerhalb der Gleitzone zwischen Minijob und Vollzeit – dem Midijob-Bereich – zahlen Beschäftigte nicht den vollen Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung. Der Beitragssatz ist besonders niedrig im unteren Teil vom Übergangsbereich. So bleibt dem Mitarbeiter mehr Netto vom Brutto, als bei regulärer Beschäftigung. Dies war auch erklärter Grund für die Einführung der Gleitzone 2003. Sie sollte Arbeitnehmer von den für sie hohen Sozialversicherungsbeiträgen entlasten. Die erreichten selbst für Geringverdiener damals rund ein Fünftel vom Lohn – ohne Grundfreibetrag wie bei der Steuer. Für Beschäftigte mit Vertrag gemäß Gleitzonen-Regelung steigen die Sozialabgaben ab 450,01 Euro zunächst leicht und erreichen erst am oberen Ende der Gleitzone annähernd reguläres Niveau. Berechnet wird das nach einer komplizierten Formel, Orientierung darüber geben die Gleitzonenrechner. Arbeitgeber selbst zahlen für jeden Mitarbeiter ab 450,01 Euro Monatseinkommen die vollen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung. Nicht nur die Obergrenze stieg 2019 auf 1300 Euro: Die Gleitzone heißt seither offiziell Übergangsbereich.

Auch die ge­setz­li­che Lohn­un­ter­gren­ze ist ein Thema

Sofern Mitarbeiter im Minijob oder im Midijob in der Gleitzone nicht sowieso deutlich mehr verdienen, müssen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auf den gesetzlichen Mindestlohn aufpassen. Alle sechs Monate müssen sie 2021 und 2022 kalkulieren, ob vereinbarte Arbeitsstunden und fixiertes Gehalt zusammenpassen. Denn der Stundensatz für den Mindestlohn erhöht sich demnächst im Halbjahresrhythmus. Ab 1. Januar 2021 steigt die gesetzliche Lohnuntergrenze von 9,35 Euro auf 9,50 Euro pro Stunde. Am 1. Juli 2021 erhöht sie sich auf 9,60 Euro, am 1. Januar 2022 auf 9,82 Euro, am 1. Juli 2022 auf 10,45 Euro. Binnen 24 Monaten legt der Mindestlohn damit um 1,10 Euro oder zwölf Prozent zu. Weil sie die Lohnuntergrenze rein rechnerisch nicht unterschreiten dürfen, müssen Arbeitgeber nötigenfalls also für Midijobs in der Gleitzone und auch Minijobs den Stundensatz auf den Mindestlohn anheben. Oder die Stundenzahl reduzieren und die Einsatzplanung so anpassen, dass Gehalt geteilt durch Arbeitsstunden einen Wert darüber ergibt.

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Bestimm­te Schwan­kun­gen sind beim 450-Euro-Job erlaubt

Am unteren Ende beginnt die Gleitzone bei 450,01 Euro. Bis 450 Euro dürfen Beschäftigte im Minijob monatlich verdienen – 5.400 Euro jährlich. Zwar führt nicht jede unvorhergesehene und gelegentliche Überschreitungen dazu, dass eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung entsteht. Wird also überraschend ein Kollege krank und der Minijobber springt ein, ist das kein Problem. Saisonale Mehrarbeit gilt dagegen als vorhersehbar. Maximal drei Überschreitungen erlaubt der Gesetzgeber pro Jahr. Spätestens nach der zweiten Überschreitung sollten Chefs unbedingt ihren Steuerberater konsultieren. Einkalkulieren müssen Arbeitgeber auch an ihre Minijobber zu zahlende Leistungen, wie etwa Weihnachtsgeld. Überschreitungen hierdurch oder durch einen heimlich zusätzlich ausgeübten Minijob können zur Überschreitung der Geringfügigkeitsgrenze führen. Stets ein paar Monate voll im Unternehmen tätige Mitarbeiter dürfen Unternehmer nicht einfach wegen ihres rein rechnerisch auf‘s Jahr gesehen niedrigen Durchschnittsverdienstes als geringfügig einstufen. Bei stark schwankenden Einkünften scheidet der Minijobber-Status aus. Regulär für Überstunden, Aushilfstätigkeiten oder wiederholte Vollzeiteinsätze einplanen können Arbeitgeber ihre Minijobber also nicht.

So pro­fi­tie­ren Un­ter­neh­mer von der Midi­job-Gleitzone

Statt einem Minijob ist also für viele Arbeitgeber der Midijob in der Gleitzone die bessere Wahl für ihre regelmäßigen Aushilfen. Das Unternehmen selbst spart zwar in der Gleitzone keine Sozialabgaben. Die Beitragssenkungen gegenüber dem regulären Job gelten nur für den vom Midijobber zu zahlenden Arbeitnehmeranteil am Beitrag zur Sozialversicherung. Trotzdem profitieren die Unternehmen von dieser Konstruktion. Denn sie bekommen mit der gleichen Mitarbeiterzahl mehr Flexibilität und können außerdem attraktiver für Teilzeitbeschäftigte werden. So erweitert sich erfahrungsgemäß die Möglichkeit zur Auswahl guter Mitarbeiter, die an einer im Vergleich zum 450-Euro-Job lukrativeren Teilzeittätigkeit interessiert sind. Außerdem lassen sich viele Mitarbeiter per Midijob leichter halten – das senkt die Personalfluktuation und erhöht die Zuverlässigkeit. Viele Kunden wissen es übrigens ebenfalls zu schätzen, nicht immer in neue Gesichter zu blicken. Die mit Midijobs beziehungsweise der jetzt Übergangsbereich genannten Gleitzone verbundene Kontinuität dürfte gerade Händler und Gastronomen sympathisch machen.

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Aufstocken auf Midi­job-Gleitzone geht – re­du­zieren nicht

Arbeitgeber sollten nicht nur mit den Midijobbern eine mögliche Ausweitung ihrer Tätigkeit besprechen, sondern auch mit dem Steuerberater. In der Gleitzone für den Midijob oberhalb vom Minijob-Bereich gibt es zahlreiche Details zu beachten. So ist die Gleitzonen-Regelung beispielsweise nicht auf alle Mitarbeiter anwendbar, deren Verdienst in der genannten Spanne liegt. Nicht in die Gleitzone gehören etwa Beschäftigte mit sonstigen Vereinbarungen über flexible Arbeitszeiten, deren Entgelt erst nach der Reduzierung in die Gleitzone fällt. Aus dem Minijob in den Midijob hineinwachsen dürfen die Beschäftigten also. Nicht dagegen ihr Engagement reduzieren, um von der Gleitzone zu profitieren. Ebenfalls nicht anwendbar ist die Regelung für Auszubildende und Praktikanten. Ausgeschlossen hat der Gesetzgeber außerdem besondere Konstellationen, etwa Mitarbeiter in Wiedereingliederungsmaßnahmen nach einer Arbeitsunfähigkeit. Auch versicherungspflichtige Arbeitnehmer in Kurzarbeit beziehungsweise – im Baugewerbe – bei wetterbedingten Reduzierungen gehören nicht in einen Midijob, also die Gleitzone beziehungsweise den Übergangsbereich

Auch in der Gleitzone gel­ten ge­gen­sei­ti­ge In­for­ma­tionspflichten

Die Gleitzonen-Regelung greift, wenn alle Entgelte des betreffenden Mitarbeiters aus versicherungspflichtigen Beschäftigungen zusammengenommen zwischen 450,01 und 1.300 Euro liegen. Für Midijobs in der Gleitzone gilt in dem Punkt also dasselbe wie für Minijobs – die Addition möglicher Parallelbeschäftigungen birgt für Firmenchefs ein Risiko. Deshalb ist genau darauf zu achten, ob beziehungsweise in welcher Höhe jemand mehrere Einkommen gemäß Gleitzonen-Regelung bezieht. Möglich ist auch die Kombination von Midijob und Minijob. Daher empfehlen sich zur eigenen Absicherung ausführliche Gespräche mit Steuerberater und Anwalt über eventuelle Fallen sowie sinnvolle vertragliche Regelungen. Etwa zur Frage, ob die arbeitsvertragliche Vorgabe reicht, weitere Tätigkeiten angeben zu müssen. Auch sollten Unternehmer bedenken, dass sie Informationspflichten gegenüber ihren Beschäftigten haben. Beispielsweise dazu, dass die Steuer bei der Gleitzone ganz normal berechnet wird. Ebenfalls wichtig: Die reduzierten Rentenversicherungsbeiträge des Arbeitnehmers führen seit Juli 2019 nicht mehr zu geringeren Rentenansprüchen. Stattdessen besteht der Rentenanspruch für Midijobber seither auf das tatsächliche Entgelt.

Die wichtigsten Informationen zur Gleitzone fasst folgendes Video zusammen.

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Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter lady-godiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.

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