Wirtschaft & Recht

Kleine Unternehmen haben es in der Insolvenz noch schwer

Das neue Insolvenzrecht sollte die Lage der Gläubiger verbessern und durch zeitiges, eigenverantwortlicheres Handeln eine Sanierung in Eigenverwaltung erleichtern. Das hatte mäßigen Erfolg.

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Die Idee klingt gut: Aus eigener Kraft per Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung aus der Krise. Das vor sechs Jahren reformierte Insolvenzrecht macht es möglich. Die Insolvenzrechtsreform sollte einen Mentalitätswechsel sowie eine neue Insolvenzkultur einleiten. Das schien nötig – zu belastend war das schlechte Image des „Pleitiers“, zu gravierend die finanzielle Konsequenz wirtschaftlichen Scheiterns, zu gering die Sanierungschance selbst in relativ aussichtsreichen Fällen – was Firmenchefs in prekärer Lage regelmäßig länger mit dem Umsteuern zögern ließ, als gut war. Mit der Reform ist manches besser geworden. Einiges aber klappt nicht, wie erhofft – und das sogar offenbar in derzeit zunehmendem Maße nicht.

Die Eigenverwaltung verliert wieder an Boden

Immer noch werden Insolvenzen zu oft verschleppt, so eine Studie des Deutschen Instituts für angewandtes Insolvenzrecht (DIAI). Jede dritte Pleite sei vermeidbar, wenn mehr Unternehmer rechtzeitig handelten, sagen Insolvenzverwalter. Schlimmer: So gehen nicht nur Sanierungschancen flöten – Insolvenzverschleppung und manche Entscheidungen in dieser Zeit sind Insolvenzstraftatbestände. Die Konsequenzen für Firmenchefs können dramatisch sein: In kaum einem Land ist die Geschäftsführerhaftung derart ausgeprägt wie hierzulande. Unternehmer hätten also gute Gründe, sich durch vorausschauendes Verhalten abzusichern, wie es das „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ (ESUG) vorsieht – es verlagerte bewusst den Fokus von der Zerschlagung krisengebeutelter Unternehmen auf die Zeit vor der Insolvenzanmeldung, in der nach Erfahrung von Insolvenzverwaltern üblicherweise die größten insolvenzbedingten Schäden entstehen.

Insolvenzrechtsreform hat Hoffnungen nicht voll erfüllt

Entsprechend groß waren die Hoffnungen, die durch die Insolvenzrechtsreform ermöglichte Insolvenz in Eigenregie könne mehr Unternehmen aus der Krise holen. Sehr gefragt waren die Eigenverwaltungsverfahren daher zunächst. Sie sind meistens schneller abgeschlossen als herkömmliche Insolvenzplanverfahren – und die Sanierung gelingt in Eigenverwaltungsverfahren im Schnitt in 60 Prozent sowie bei Großunternehmen sogar in 80 Prozent der Fälle. Diese Ergebnisse sind besser als jene der Regelinsolvenz – sowohl für die Unternehmer als auch für die Gläubiger, für die in eigenverwalteten Sanierungsverfahren die Quoten durchweg höher ausfallen, bilanzierte die Boston Consulting Group (BCG) bereits vor zwei Jahren.

Mehr Eigenverwaltungsverfahren werden abgelehnt

Doch nach einer aktuellen BCG-Studie schwächelt der Hoffnungsträger unter den Verfahrensarten. Nur ein Bruchteil der Betroffen nutzt die Möglichkeiten der Eigenverwaltung – insgesamt im Schnitt nur knapp drei von hundert Unternehmen. Gerade die kleineren Betriebe tun sich offenbar schwer damit oder werden daran gehindert: Laut BCG scheiterten zuletzt 35 Prozent der Anträge auf Eigenverwaltung. Oft werden sie wegen Ärger mit Gläubigern vom Insolvenzgericht abgelehnt oder gar aufgehoben und ins Regelinsolvenzverfahren überführt – das wiederum erhöht die Misserfolgsquote der Eigenverwaltungsverfahren. Unternehmer sollten sich in einer finanziellen Schieflage natürlich eng mit ihrem Steuerberater austauschen. Sie sollten aber zugleich möglichst frühzeitig Kontakt zum Anwalt zu suchen. Oder am besten noch: gleich zu einer auf Insolvenzrecht spezialisierten Kanzlei. Das steigert Experten zufolge enorm die Chancen, gut durch die Krise zu kommen.

Fiskus und Sozialversicherung als Gläubiger begünstigt

Ein weiteres Problem betont die „Wirtschaftswoche“: Seit einer kleineren Reform des Insolvenzrechts vor zwei Jahren werden auch Sozialversicherungsträger und Fiskus vor dem rückwirkenden Zugriff des Insolvenzverwalters auf bereits beglichene Forderungen geschützt. Der Staat als Gläubiger werde so begünstigt. Das Gesetz bewahrt, ausdrücklich anders als geplant, nicht nur gerichtlich durchgesetzte Forderungen vor Rückforderung durch den Insolvenzverwalter, sondern auch Zwangsvollstreckungen durch Ämter und Sozialversicherungsträger – weil das Wort „gerichtlich“ stillschweigend aus dem Entwurf verschwand. Aus Sicht der Experten ein Problem: Einer Behörde ein Fehlverhalten nachzuweisen, halten Fachleute gerade in Insolvenzverfahren kleinerer Unternehmen für schwierig. Sie erwarten, dass deshalb jedes zweite Insolvenzverfahren künftig nicht eröffnet werden könnte – zulasten möglicher Sanierungschancen sowie zulasten der übrigen Gläubiger. 

Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.