Personal & Führung

So bringen Chefs ihre Azubis auf den Weg des Meisters

Der diesjährige Girl's und Boy's Day bietet wieder gute Gelegenheit, mit potenziellen Lehrstellenkandidaten in Kontakt zu treten. Unternehmer sollten sich diese Chance nicht entgehen lassen.

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Bald starten wieder quer durchs Land zehn- bis 15-jährige Mädchen auf einen Technik-Parcours: Sieben Karten Handwerk, fünf Informatik, zehn Naturwissenschaften und sechs Technik. Für gleichaltrige Jungen werden die Balance-Spiele in den Editionen „Beruf und Leben“ sowie „Partnerschaft“ ausgepackt. Zudem werden die Jugendlichen wie an jedem Girl’s Day und seit einigen Jahren auch Boy’s Day am 26. April wieder in Berufe und Unternehmen hineinschnuppern, die sonst eher nicht so in ihren Interessenbereich fallen. Für Unternehmer ist dieser Tag eine hervorragende Gelegenheit für Nachwuchsarbeit. Insbesondere Betriebe, deren Ausbildungsplätze nicht in den Top Ten der beliebtesten Ausbildungsberufe auftauchen, sollten deshalb in die Puschen kommen und sich beim Girl’s Day/Boy’s Day präsentieren. Das kann übrigens auch Ausbildungsbetrieben mit beliebten Berufen im Angebot nicht schaden: Die Zeiten, in denen Lehrstellenlücke noch die Zahl der ausbildungslosen Jugendlichen angab, sind längst vorbei. Inzwischen ist es umgekehrt so, dass Unternehmen um eine knapper werdende Zahl möglicher Azubis buhlen – und der Begriff Lehrstellenlücke sich auf unbesetzte Ausbildungsplätze bezieht. Finden und binden ist also die Devise – und der Girl’s Day/Boy’s Day hierfür ein guter Anlass, den man am besten gleich in eine Reihe weiterer Kontakt- und Schnupperangebote eingliedern sollte, die wohl überlegt und geplant sein wollen.

It’s the Passung, stupid – auf dem Lehrstellenmarkt hakt es

Die schlechte Nachricht: Jeder dritte angebotene Ausbildungsplatz bleibt unbesetzt. Jedes zehnte Unternehmen bekommt keine einzige Bewerbung, so eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Vor allem Unternehmer in ländlichen Gebieten trifft der Azubi-Mangel hart. Sie müssen sich ins Zeug legen, um Jugendliche für ihren Betrieb zu interessieren. Viele tun das schon seit Jahren, wie Firmenchef Walter Mennekes, der nicht nur zu weiterführenden Schulen enge Kontakte hält, sondern auch Grundschüler und sogar Kindergartengruppen in sein Unternehmen einlädt. Und dann gibt es noch, was Experten etwa aus dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) als „Passungsprobleme“ bezeichnen: dass die Qualifikationen der Bewerber nicht zu den Anforderungen der Unternehmen passen. Immerhin gut 20.000 Jugendliche stehen daher trotz statistisch eigentlich bester Chancen ohne Lehrstelle da. Ob es an Eignung wirklich mangelt, sei dahingestellt.

Von den Vorlieben der jungen Leute weiß man: sie verengen den Markt. Seit Jahren suchen sich Jungen und Mädchen unverändert die stets gleichen Lieblingsberufe für die Ausbildung. Mit weiblichen Auszubildenden schlossen die Unternehmen nach BiBB-Berechnungen 2016 die meisten Ausbildungsverträge in kaufmännischen Berufen: Kauffrau für Büromanagement, im Einzelhandel, im Groß- und Außenhandel sowie Industriekauffrau sowie außerdem als Medizinische und Zahnmedizinische Fachangestellte, Verkäuferin und Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk, Hotelfachfrau und Friseurin. Bei den Jungen lag der Beruf des Kfz-Mechatronikers bleibt mit großem Vorsprung an der Spitze der Top Ten. Darauf folgen der Elektroniker, der Kaufmann im Einzelhandel, der Industriemechaniker, der Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, der Fachinformatiker, der Verkäufer, die Fachkraft für Lagerlogistik sowie der Kaufmann im Groß- und Außenhandel beziehungsweise Kaufmann für Büromanagement auf den weiteren Plätzen. Den Großteil der insgesamt derzeit 327 verschiedenen Ausbildungsberufe haben die jungen Leute nicht auf dem Schirm.

Girl’s und Boy’s Day nutzt Jugendlichen und Unternehmern

Die gute Nachricht: Um wenigstens die geschlechtsspezifischen Neigungen der Jugendlichen auszugleichen, wurde 2001 der Girl’s Day ins Leben gerufen – er ist Produkt des Fachkräftemangels zu New-Economy-Zeiten und verfolgt seither durchaus erfolgreich das Ziel, Mädchen gezielt vor allem für technische und handwerkliche Berufe zu interessieren. Der 2010 als männliche Pendant geschaffene Boy’s Day soll Jungen für männeruntypische Berufe begeistern. Unternehmer können an diesem Tag – teils in Zusammenarbeit mit Schulen und Verbänden – vergleichsweise umstandslos und auf Ihr Unternehmen und die sich dort bietenden beruflichen Chancen aufmerksam machen und Kontakte knüpfen, aus denen sich vielleicht Praktika, Jobs oder eben Ausbildungsverhältnisse ergeben.

 

So können Unternehmer Azubis finden und binden

Unternehmer sollten die Chance nutzen. Wer Azubi-Kandidaten sucht, weiß: Das ist kein Spaß und führt sogar in nicht wenigen Fällen durchaus zur Verzweiflung. Neben den Unternehmern aus ländlichen Gebieten tun sich vor allem Handwerksbetriebe schwer. Tausende Lehrstellen bleiben hier Jahr für Jahr unbesetzt. Mit verzweifelten Stellenausschreibungen bedruckte Lieferwagen gehören vielerorts schon zum Stadtbild. Die Handwerksverbände stecken seit Jahren richtig Geld und Mühe in die Werbung um Nachwuchs – im werblichen Videoclip wie auch als Stellenradar-App für Jugendliche auf Ausbildungsplatzsuche.

Manch ein Stellengesuch eines Unternehmers verbreitet sich wie ein Virus über die sozialen Netzwerke, wie das von Glaser Sven Sterz, der dank seines Facebook-Videos schließlich einen Lehrling mehr als geplant einstellen konnte.

Auch die Industrie- und Handelskammern unterstützen Unternehmen mit Ausbildungsmessen oder – wie etwa in Darmstadt, Frankfurt oder Hamburg – mit einem Azubi-Speed-Dating. Unternehmer sitzen dann beim Speed-Dating für je zehn Minuten Schülern oder Schülerinnen gegenüber, die für die von ihnen angebotenen Stellen in Frage kommen und sich interessieren. Das sind turbulente Veranstaltungen, durch die ganze Abschlussjahrgänge aus dem Einzugsgebiet geschleust werden – aber eben auch gute Möglichkeit, um die nicht auf den ersten Blick ersichtlichen Vorzüge des eigenen Betriebs zu erklären. Zudem haben sich vielerorts Firmen regional zusammengeschlossen und beispielsweise im Kreis Münster ein Ausbildungsportal geschaffen, wo sich Jugendliche registrieren können – damit Unternehmer um Interessenten werben können. Auch Gastronomen und Hoteliers aus dem Allgäu haben in Sachen Azubi-Gewinnung ein gemeinsames Paket geschnürt.

Unternehmer können mit Flüchtlingen die Lehrstellenlücke schließen

Außerdem sollten Unternehmer eine neue Kandidatengruppen für ihre Ausbildungsplätze anvisieren: junge Flüchtlinge. Die spielen auf dem Ausbildungsmarkt inzwischen eine so große Rolle, dass ihnen das BiBB den Schwerpunkt im Berufsbildungsbericht 2017 widmet. Der DIHK hat bereits Verbesserungsvorschläge für die Rahmenbedingungen formuliert.

Was Unternehmer rechtlich rund um die Ausbildung beachten müssen

Was Unternehmer bedenken sollten: Es reicht nicht, Azubis zu gewinnen. Firmenchefs müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen überblicken und einhalten. Die rechtlichen Voraussetzungen sind zahlreich. Der Betrieb muss geeignet sein. Es müssen geeignete Ausbilder zur Verfügung stehen. Und natürlich kostet Ausbildung auch Zeit und Geld. Das setzt allerhand voraus. Unternehmer tun gut daran, sich nicht nur mit ihrer jeweiligen Kammer zu verständigen, sondern die Gestaltung des Ausbildungsvertrags ihrem Anwalt zu überlassen und mit ihm ausführlich zu besprechen, was sie noch beachten müssen – rechtliche Vorgaben wie die Datenschutzgrundverordnung (DS-GVO) etwa greifen natürlich auch bei Ausbildungsmesse oder Speed-Dating. Bei Minderjährigen stellt sich im Lauf der Ausbildung zudem die Frage, welche zusätzlichen Schutzrechte etwa bei Urlaub, Arbeits- und Pausenzeiten greifen und ob zu kinder- und jugendspezifischen Schutzrechten auch noch zusätzlich Sicherheitsvorkehrungen kommen. Die jeweiligen gegenseitigen Rechte und Pflichten sollten sowohl der Ausbildungsbetrieb als auch der Jugendliche kennen. Für Jugendliche, die nach dem Berufsbildungsgesetz (BBiG) ausgebildet werden, gilt zudem Schulpflicht. Rund um die Berufsschule gibt es also ebenfalls einiges Rechtliche zu klären und einzuhalten. Über diese Fragen mit dem Anwalt zu reden, ist sicher sinnvoll. Und manche steuerliche Frage rund um Ausbildungskosten sowie Vergütung und auch die Buchhaltung und Abrechnung ist sicher ebenfalls ein Fall für den Steuerberater. Außerdem gibt es noch Begünstigungen, die zu kennen sich für Unternehmer lohnen kann. Die Förderdatenbank des Bundeswirtschaftsministeriums gibt im Förderbereich Aus- und Weiterbildung eine Übersicht über sämtliche öffentliche Fördermöglichkeiten von Bund, Ländern und auch der Europäischen Union.

Ausbildung geht auch im Verbund

Vernünftig auszubilden ist gerade für kleinere Unternehmen ein ambitioniertes Ziel. Besser erreichen lässt es sich manchmal durch Ausbildung im Verbund. Zwei oder mehr Unternehmen schließen sich zusammen, um gemeinsam auszubilden, manchmal noch in Kooperation mit einem Bildungsinstitut als Träger. Der Vorteil für die Betriebe: Sie müssen nicht allein die volle Last der Ausbildung schultern, kommen aber trotzdem in Kontakt mit künftigen Fachkräften. Der Vorteil für die Jugendlichen: Es entstehen reguläre, vollwertige Ausbildungsplätze, die es ohne Verbund kaum gäbe. Für Unternehmen ist ein solcher Verbund eine gute Möglichkeit auszubilden, ohne dafür selbst die doch recht hohen Anforderungen an Ausbildungsbetriebe zu erfüllen. Das Berufsbildungsgesetz sieht die Möglichkeit der Verbundausbildung ausdrücklich vor. Zusammenschließen können sich Unternehmen miteinander – dann hat der Azubi mehrere Lehrherren. Es können auch ein oder mehrere Unternehmen mit einem Bildungsträger einen Verbund bilden. Die möglichen Modelle für Verbundausbildung sind mittlerweile zahlreich und regional recht vielfältig. Und auch mit Hochschulen gibt es inzwischen zahlreiche Kooperationsmöglichkeiten für Unternehmer – beispielsweise aus dem Handwerk.

 

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Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.