Wirtschaft & Recht

Legen Sie bei Dokumenten jedes Wort auf die Goldwaage

Missverständnisse können für Käufer wie Verkäufer teuer werden. Daher ist es wichtig, in jedem Schriftstück die richtigen Worte zu verwenden – und zu klären, ob beide Seiten das Gleiche meinen.

Teilen auf

LinkedIn Xing Whatsapp

Das ist Ihnen sicher auch schon passiert: Die Diskussion wogt hin und her, Meinungen werden ausgetauscht, und plötzlich erklärt jemand, man dürfe doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Soll heißen: Im Eifer des Gesprächs kann es durchaus vorkommen, dass ein Begriff benutzt wird, der vielleicht nicht ganz exakt das Gemeinte ausdrückt oder missverstanden werden könnte – aber das ist doch nicht so schlimm, Schwamm drüber.

Nur eindeutige Formulierungen verwenden

Von wegen. Schon im privaten Kreis sorgt ein falsch gewähltes Wort leicht für Verstimmung. Im Geschäftsleben kann es sogar Existenzen bedrohen – so viel zum Thema Goldwaage. Ich jedenfalls habe im Büro immer einen Duden griffbereit. Weniger für die Rechtschreibung, denn die meisten Fehler lassen sich heute mit der Korrekturfunktion in der Textverarbeitung vermeiden. Aber zur Begriffsdefinition ist ein Duden unverzichtbar, weil die Sprache leider selten so eindeutig ist wie beispielsweise die Zeichen im Straßenverkehr. Ihre definierte Bedeutung lernen wir in der Fahrschule: Ein „Vorfahrtsschild“ heißt Vorfahrt. Nicht ein wenig Vorfahrt, sondern ganz klar: Ich habe Vorfahrt! Im täglichen Sprachgebrauch jedoch kann ein Wort mehrere Bedeutungen haben. Wohl dem, der dann den Duden nutzt, um teuren Missverständnissen vorzubeugen, etwa beim Verfassen oder Bewerten von Angeboten.

Nicht alle Hauswände gehören zur Fassade

Beispiel gefällig? Ein mir bekannter Unternehmer hat eine Immobilie erworben, laut Vertrag mit wärmegedämmter Fassade. Er hat das Haus begutachtet, für gut befunden und gekauft. Bei den ersten Renovierungsarbeiten merkte er, dass der Rückwand die Wärmedämmung fehlt, schließlich landete die Angelegenheit vor Gericht. Dort belehrte ihn der Richter über die Bedeutung des Wortes „Fassade“, indem er die Definition aus dem Duden vorlas: „Vorder-, Schauseite; Ansicht“. Mein Bekannter verzichtete dann lieber auf den Versuch, mit dem Argument der vertraglich zugesagten „wärmegedämmten Fassade“ eine Wärmedämmung auch für die Rückseite des Gebäudes einzuklagen …

Leistungen ausdrücklich einzeln aufzählen

An dieser Stelle muss ich leider zugeben: Auch ich bin ein gebranntes Kind in Sachen Zweideutigkeit. Da war die Sache mit dem Angebot über zu lackierendes Blech. Mein Mitarbeiter hatte so formuliert: „Einen Quadratmeter Blech bearbeiten, die vordere Seite mit dem Farbsystem A, die Rückseite mit Farbsystem B mit dem Preis X.“ In der Rechnung standen später das Aufmaß des Bleches für die Vorderseite und das Aufmaß des Bleches für die Rückseite, dies mit dem Preis verrechnet. Leider meinte der Kunde, der Quadratmeterpreis beinhalte sowohl Außen- als auch Innenseite, es dürfte also nur ein Aufmaß mit einer Blechseite gemacht werden. Wer hat recht?

Missverständnisse schriftlich korrigieren

Wir haben es damals auf einen Prozess ankommen lassen, weil die Sache für uns klar schien. Und tatsächlich erschien vor Gericht ein Mitbewerber als Zeuge, dessen erstes Angebot im Wortlaut so ausgeführt war wie unseres. Dann allerdings erfuhr ich vom entscheidenden Unterschied zu unserem Fall: In Gesprächen mit dem Kunden war das Missverständnis frühzeitig erkannt worden, der Unternehmer hatte sein Angebot mit einem weiteren Textbaustein dann so im Wortlaut verfeinern können, dass der Sachverhalt eindeutig wurde. Diese Eindeutigkeit fehlte bei unserem Angebot.

Mitarbeiter und Anwalt gegenlesen lassen

Der Richter hat unmissverständlich festgestellt, dass unser Angebot „missverständlich“ gewesen sei – und weiter gehende Ansprüche an den Kunden darum kaum durchzusetzen wären. Er meinte, wir sollten Angebotstexte künftig so umfassend und detailliert formulieren, dass jede Partei genau wisse, was sie bekomme. Das mache ich jetzt. Und Ihnen kann ich nur raten: Achten Sie auf die Bedeutung jedes Wortes, das Sie wählen. Lassen Sie einen Text im Betrieb sowie – zumindest bei größeren Beträgen – von einem Anwalt gegenlesen. Und klären Sie dabei nicht nur einzelne Begriffe, sondern auch Verständnisfragen.
Ich habe durch unser teures Missverständnis gelernt, den Duden zu schätzen …

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Carsten Röttgers

ist Geschäftsführer der auf Oberflächenbeschichtung spezialisierten Karl Röttgers GmbH in Papenburg. Der Diplom-Betriebswirt war unter anderem Bundesvorsitzender der Junioren des Handwerks und hat sich auf deutscher und europäischer Ebene für die Interessen kleiner und mittlerer Betriebe aus dem Handwerk eingesetzt. Er twittert unter twitter.com/roettgers