Wirtschaft & Recht

Keine Zeit für Panik – guter Zeitpunkt für Beratung

Die Briten haben sich gegen die Europäische Union entschieden. Bis der Brexit Realität wird, dürfte es noch mindestens zwei Jahre dauern. Trotzdem sollten Unternehmer mit Geschäftsbeziehungen auf die Insel schon jetzt ihre mittelfristige Planung mit Anwalt und Steuerberater überprüfen.

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Wir müssen mal über die Briten sprechen, zumindest über die unter Ihren Geschäftspartnern. Vielleicht ist ja auch Ihnen nach dem Referendum am Freitag so etwas wie ungläubiger Schreck in die Knochen gefahren – damit stünden Sie nicht allein, wie schon ein oberflächlicher Blick in Medien und soziale Netzwerke zeigt. Aber mir geht es nicht darum, dass die Alten schuld sind, da sie mit der geballten Macht ihrer Kohortenstärke den Austritt bewirkt haben. Oder dass den Befürwortern des Brexit bittere Enttäuschungen drohen, da sie vieles von dem nicht erhalten werden, was ihnen versprochen wurde, aber massiv unter Börsenverwerfungen und anschließend zu erwartenden wirtschaftlichen Folgen leiden dürften, so „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurin Miriam Meckel. Es ist natürlich hochspannend, aber eben auch: spilt milk, wie der Brite an sich sagen würde – der Brexit ist beschlossen. Und alles andere Kaffeesatzleserei.

Was wird aus Beschäftigten mit britischem Pass?

Über nichts sind Voraussagen so schwierig wie über die Zukunft, um es mal mit Mark Twain zu sagen. Oder einem Wissenschafts-Bonmot folgend: vier Ökonomen, fünf Meinungen. Und die Politiker haben natürlich auch noch was beizutragen. Das Online-Satiremagazin „Postillon“ witzelte gleich, die EU verbanne als Strafe für den Brexit alle Briten auf eine dauerverregnete Insel im Nordatlantik. Im Ernst: Der Brexit wird Unternehmern erhebliche Veränderungen bescheren. Er wird jeden treffen, der mit britischen Vertragspartnern zusammenarbeitet, der also Waren oder Dienstleistungen auf die Insel liefert oder von dort bezieht. Und auch jeden, der Mitarbeiter mit britischem Pass innerhalb der EU beschäftigt. Früher oder später werden diese Firmenchefs mit ihrem Steuerberater und mit ihrem Anwalt bestehende Verträge überprüfen und an die künftigen, noch zu beschließenden Regeln anpassen müssen.

Wie weit kommt die EU den Briten entgegen?

Fakt heute ist: Die Briten müssen den beschlossenen EU-Austritt nun formell beantragen. Wie dann die Scheidungsgespräche ablaufen und wie lange sie dauern, damit gibt es keine Erfahrung. Dass die Sache kompliziert und langwierig werden könnte, lässt sich daran ablesen, dass beim Austritt Grönlands mit seiner vergleichsweise einfach strukturierten Wirtschaft aus der Europäischen Wirtschaftsunion 1985 jahrelang mit der damaligen EWU um Details gefeilscht wurde. 24 Monate sind für diese Verhandlungen nach dem EU-Vertrag von Lissabon vorgesehen, wie es danach weitergeht, weiß niemand. Für plausibel halte ich, was der „Spiegel“ vermutet: Die EU dürfte Großbritannien mit Härte entgegentreten – schon um Exit-Nachahmern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das Beste aus beiden Welten dürfte Großbritannien nach dem Entscheid nicht mehr für lau bekommen.
Andererseits greift bereits jetzt in vielen grenzüberschreitend geschlossenen Verträgen englisches Recht. Deutsche Mittelständler werden schon seit Jahren teils doch davon überrascht, dass etwa nach ausgiebigen Vertragsverhandlungen russische Unternehmen oder auch deutsche Konzerne einen britischen Gerichtsstand wünschen, so erklärte mir mal Stefan Vogenauer, Professor für Vergleichende Rechtswissenschaft an der Universität Oxford und Mitherausgeber und Autor des Handbuchs „Englisches Handels- und Wirtschaftsrecht“. An solchen Vereinbarungen nach britischem Recht dürfte auch der Brexit nicht grundsätzlich rütteln.

Unternehmer sollten ihre Pläne kritisch hinterfragen

Abgesehen von diesen Fällen betrifft der Brexit aber alle Rechtsfragen, die deutsche Unternehmen mit Großbritannien verbinden. Sie sollten also ruhig mal mit Steuerberater und Anwalt besprechen, wie sich mögliche Veränderungen in der Rechtslage auf Ihr Geschäft und Ihre Vertragsbeziehungen auswirken könnten. Ganz praktisch mit Blick auf innergemeinschaftliche Lieferungen und ausländische Vorsteuer beispielsweise. Und strategisch mit Blick auf Kooperationen und die damit verbundenen Verträge oder auch mit Blick auf bislang nur angedachte Pläne. In so eine Beratung sollten Sie jetzt schon investieren, auch wenn bis zu den rechtlichen und steuerlichen Folgen eines Brexit noch einige Jahre vergehen werden. Im Rahmen Ihres Risikomanagements ist es wichtig, verschiedene Szenarios durchzuspielen und zu klären, ob Handlungsbedarf oder gar Gefahr für Ihr Unternehmen besteht. Vielleicht sollte etwa eine Standortentscheidung jetzt doch überdacht werden.
Grundsätzlich empfehle ich ansonsten: keine Panik. Und hören Sie sich doch mal den ebenso weisen wie lustigen Song der britischen Komikertruppe Monty Python an.

Und wenn Sie Lust haben, gleich auch noch diesen hier mit mehr buchstäblichem Galgenhumor aus „Das Leben des Brian“.

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Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.