Wirtschaft & Recht

Mehr Güter auf die Schiene statt auf neue Riesenlaster

Wer hat sich auf der Autobahn nicht schon über schier endlose Lastwagenkolonnen geärgert? Gigaliner sind keine Lösung für das Problem völlig überlasteter und maroder Straßen, sondern sie verschärfen es noch. Besser wären mehr Investitionen in den Güterverkehr auf der Schiene.

Teilen auf

LinkedIn Xing Whatsapp

Vor dem Feiertagswochenende mit dem Auto durch Wiesbaden, vom Stadtrand zur Innenstadt: Für eine Strecke, die ich sonst in zehn Minuten schaffe, brauche ich gut eine Stunde. Alle Straßen sind total überlastet. In diesem Megastau fällt mir ein super Argument gegen den Einsatz der viel diskutierten Gigaliner ein, dieser Riesenlaster mit 25 Metern Länge: Aus dem Schiersteiner Gewerbegebiet kommend, würden die zum Linksabbiegen auf die Hauptstraße wohl fünf statt drei Ampelschaltungen brauchen.

Gigaliner holen Ladung vom Gleis zurück auf die Straße

Der Einsatz der Gigaliner wird in einigen Regionen erprobt, studiert und wohl bald noch ausgeweitet – obwohl erst kürzlich wieder eine Studie wenig Gutes über sie ans Licht brachte. Es mag sein, dass Speditionen mit zwei dieser Monster drei herkömmliche Lkw ersetzen und Kraftstoff sparen können. Aber das dürfte es mit den Vorteilen schon gewesen sein. Vor allem Schienenbefürworter gehen gegen Gigaliner auf die Barrikaden. Ihre uneingeschränkte Zulassung würde den Güterverkehr vom Gleis zurück auf die Straße verlagern, fürchten viele Experten. Laut „Deutschlandfunk“ war das jetzt die dritte Studie in Folge, die dies vorhersagt. Auch der Verkehrsclub Deutschland ist skeptisch.

Verkehrsexperten befürchten mehr schwere Lkw-Unfälle

Wer öfter mit dem Auto unterwegs ist, hat sich vielleicht schon über Monstertrucks geärgert. Die Parkbuchten der Autobahnrastplätze sind häufig zu klein – dann ragt das Heck des Gigaliners und auch heute schon manches herkömmlichen Lasters in die Fahrbahn. Ich habe schon Abfahrtsschilder übersehen, weil mir ein besonders langer und wohl auch langsamer Laster die Sicht versperrte – und die Abfahrt deshalb verpasst. Ganz zu schweigen von ökologischen Nachteilen – und der Sicherheitsfrage. Schon heute sind Laster an vielen tödlichen Verkehrsunfällen beteiligt. Selbst wenn Gigaliner dank starker Maschinen nicht den Hang hochkriechen: Der durch das Fahrzeuggewicht bedingt längere Bremsweg wird sich nicht verkürzen lassen – erst recht nicht bergab. Es dürfte mehr schwere Unfälle geben.
Die Truckindustrie hält dagegen. Und ein Kollege der „Wirtschaftswoche“ erwartet, dass die Riesenlaster vor allem mit leichteren Gütern beladen werden würden, wodurch ein möglicher höherer Verschleiß der Straßendecke sowie andere gewichtsbedingte Probleme weniger ins Gewicht fielen. Auch wenn Gigaliner vielleicht nicht die befürchteten Straßenzerstörer sein mögen: Insgesamt erscheinen mir die Argument dagegen überzeugender als die dafür.

Riesenlaster lösen nicht das Problem der Leerfahrten

Insbesondere mit Blick auf mehr Straßenverkehr sehen die Riesenlaster nicht nach Fortschritt aus. Auch für Unternehmen ohne zentralen Produktionsstandort am Stadtrand sehe ich kaum Vorteile: Genau wie beim Güterzugverkehr müssen die Waren irgendwo nahe der Autobahn oder vor der Stadt abgeladen und mit kleinen Fahrzeugen zum Empfänger transportiert werden. Bislang nutzen Gigaliner praktisch nur Autobahnen sowie ausgewählte Strecken, um zur Verladestation zu kommen – ganz so eine Punkt-zu-Punkt-Lösung wie mit normalen Lastern ist der Gigaliner-Verkehr also nicht. Ob sie so dazu beitragen können, die jetzt bereits viel zu hohe Quote an Leerfahrten zu senken, ist ebenfalls fraglich. Denn rund 30 Prozent der Fahrten sind leer, und derzeit kommen Milliarden leer gefahrene Kilometer zusammen.

Passen die Monsterlaster in alle Gewerbegebiete?

Gigaliner kommen ganz sicher nicht in jede Gasse. Wie ich in Wiesbaden live gesehen habe, kommen sie nicht mal in jedes Gewerbegebiet hinein. Geschweige denn um jede Kurve herum. Und selbst wenn man die Riesenlaster auf bestimmten Strecken bis zum Empfänger durchlässt: Das Thema Fernbusse zeigt, wie schnell es in die andere Richtung gehen könnte: Städte und Gemeinden dürften den Lastwagenverkehr wieder beschränken. Bei all den Nachteilen stelle ich mir wirklich die Frage: Warum bauen wir nicht gleich die Schienenkapazitäten aus, statt auf die ohnehin überlasteten Straßen zu setzen?

Hat Ihnen der Beitrag gefallen?

Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter lady-godiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.

  • Schwerpunktthemen
  • Trialog-Newsletter

    Sie möchten künftig keine wichtigen Tipps für Ihr Unternehmen verpassen?
    Mit dem kostenlosen Newsletter halten wir Sie auf dem Laufenden.

  • Experten-Suche

    Kein einfaches Thema!
    Am besten hilft ein steuerlicher Berater! Sie haben noch keinen? Dann können Sie auf DATEV SmartExperts nach den passenden Experten suchen.

    Ich suche








  • Auf Facebook mitdiskutieren

    Sie möchten das Thema vertiefen?
    Dann werden Sie gerne Fan und beteiligen sich an der Diskussion auf unserer Facebook-Fanpage

    Jetzt TRIALOG-Fanpage besuchen

  • DATEV im Web
    YouTube LinkedIn