Personal & Führung

Goldene Zeiten für bunte Werbekampagnen

In einem Monat beginnt das neue Ausbildungsjahr. Noch sind gerade im Handwerk viele Lehrstellen unbesetzt. Die Kampagnen werden bunter, die Verzweiflung steigt. Firmenchefs müssen verstärkt die Werbetrommel rühren und erklären, dass Sie mehr Chancen bieten als manche akademische Berufe.

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Falls Sie aus München sind oder dort schon ausgiebiger unterwegs waren, kennen Sie sicher die Eisbach-Welle im Englischen Garten. Die Surfer dort haben das Bäckerhandwerk jetzt zu einem Werbespot inspiriert. Wie die Gesellen und Meister der Innung in dem Video um Nachwuchs werben, ist ziemlich unterhaltsam. Sie haben ein Surfbread gebacken – und lassen einen Profisurfer darauf wellenreiten.

Das ist eine gute Idee. Das ist spektakulär. Und das ist irgendwie auch ein verzweifelter Versuch, sich ins Gespräch zu bringen. Im Handwerk fehlen nämlich immer mehr Auszubildende. Zunehmend gehen die Schulabgänger lieber studieren als in einen kleinen Unternehmen in die Lehre. Und wo heute Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben, fehlen morgen qualifizierte Fachkräfte. Nicht nur die Bäcker inszenieren daher sich beziehungsweise ihren Berufsstand möglichst aufsehenerregend. Auch andere Gewerke haben bereits diesen Weg gewählt, die Bootsbauer beispielsweise mit einem sehr emotionalen Video.

Wie sich die Zeiten doch ändern. Jahrelang galt es, die sehr zahlreiche Konkurrenz um die zunehmend knappen Stellen durch noch höhere Abschlüsse, bessere Noten, mehr Erfahrung auszustechen – damit wurde ich und mit mir die derzeitige Elterngeneration sozialisiert. Wenn damals jemand die Lehrstellenlücke bezifferte, meinte er die Zahl der Schulabgänger, für die es keine Ausbildungsmöglichkeit in einem Betrieb gibt. Heute steht der Begriff Lehrstellenlücke für die Summe aller unbesetzten Lehrstellen – dagegen herrscht in einigen akademischen Berufen ein vergleichsweise starkes Gedränge auf dem Arbeitsmarkt.

Hauptschüler werden schneller ihr eigener Chef

Klar, das hat man inzwischen schon mal gelesen. Wirklich zum Nachdenken brachte mich ein Orientierungsabend über die verschiedenen Schulformen für die Eltern von Viertklässlern. Beeindruckt hat mich der Auftritt des Direktors der einzigen Hauptschule weit und breit hier in Wiesbaden. Eine Schulform, die kaum jemand wählt und die heute offenbar noch mehr als früher auch berufspraktische Fähigkeiten vermittelt. Allen, die handwerklich interessiert sind. Die haben ihr erstes benotetes Werkstück schon vor der Ausbildung gefertigt und jede Menge Chancen, sich auszuprobieren. Telefoniert der Mann mit Ehemaligen, die vor fünf oder zehn Jahren die Schule verlassen haben, sind die nicht gerade im siebten Praktikum wie Studenten oder manche Hochschulabsolventen. Sie bieten Hauptschülern jetzt Lehrstellen oder Ferienpraktika im eigenen Betrieb an. Es ist beeindruckend, wie dieser patente, engagierte Mann für seine Schulform warb. So wie das Handwerk für sich.

Viele Lehrlinge haben glänzende Aussichten

Und der Schulleiter wie auch die Firmenchefs im Handwerk haben ja durchaus etwas anzubieten. Ein junger Mann aus meiner Nachbarschaft macht gerade den Meister. Irgendein Elektroberuf. Er ist gerade Anfang 20 und weiß jetzt schon, dass er eine gute Stelle bekommen kann. Oder sogar sein eigenes Unternehmen gründen. Und es macht ihm Spaß. Ich bin sowieso davon überzeugt, dass die jungen Leute am besten da aufgehoben sind, wo sie Talent mitbringen und Freude haben. Etwas golden stelle ich mir den Boden jedenfalls trotz der mit der EU-Freizügigkeit gestiegenen Konkurrenz durchaus noch vor.

Werben Sie für sich in Schulen und Kindergärten

Goldene Zeiten sind dies jedenfalls für solche Kampagnen. Denen müssen wir übrigens schon im eigenen Interesse Erfolg wünschen – oder wer soll sonst in Zukunft das Bad kacheln, das Auto reparieren oder die Elektroleitungen verlegen? Wichtig aber ist, dass Sie als Firmenchef mitziehen. Hängen Sie sich an solche Kampagnen dran. Nicht nur, weil Sie selbst noch Azubis für September suchen, sondern weil es gilt, die Attraktivität betrieblicher Ausbildungen in allen Branchen bekannter und den Jugendlichen schmackhaft zu machen. Gehen Sie schon in die Grundschulen und – warum nicht – auch ruhig in die Kindergärten. Machen Sie auf sich aufmerksam. Und nutzen Sie die sozialen Medien, etwa indem Sie ausgefallene Videos auf Ihrer Web-Seite einbinden oder verbreiten. Auch bei der Personalsuche gilt verstärkt: Klappern gehört zum Handwerk.
Foto: Action Press

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Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter lady-godiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.