Personal & Führung

Nutzen Sie den Kreislauf aus Denken, Suchen, Testen, Denken

Messen wie die CeBIT können für Unternehmen vieler Branchen als wertvolle Inspirationsquelle dienen. Wie man zum Trendscout in eigener Sache wird, verrät Professor Michael Durst im TRIALOG-Interview.

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Think Outside The Box Torn Paper

TRIALOG: Die CeBIT bietet Hallen voller Inspiration. Wie können Unternehmer daraus Mehrwert ziehen?

Michael Durst: Sie sollten gut geplant durch die Hallen gehen, sich auf Relevantes konzentrieren, sich Best Practices zeigen lassen und sich merken, was ihnen interessant für ihr Unternehmen erscheint. Praktisch hierfür sind Apps wie Evernote. Damit können sie Fotos von Dingen machen, die sie interessant finden, diese mit Notizen verknüpfen, verschlagworten und in der Cloud speichern. Nach der Messe können sie die Innovationen und Inspirationen in Ruhe am PC oder Tablet durchgehen und auch nachsehen, ob es bereits Standardlösungen gibt – Open-Source-Angebote vielleicht – oder Best-Practice-Beispiele von Unternehmen, die etwas in der Art schon nutzen.

TRIALOG: In jedem Wirtschaftsmagazin finden Sie Best-Practice-Beispiele. Und die Hallen sind voll. Nach welchen Kriterien sollten Unternehmer die Flut an Information und Inspiration sortieren?

Michael Durst: Zunächst einmal sollten sie über ihr Unternehmen und vor allem ihre Kunden nachdenken. Viele sind ja noch sehr prozessgetrieben. Nehmen Sie einen Handwerker, der vielleicht bislang seinem Kunden als Zeiten durchgibt „zwischen 8 und 14 Uhr“ – da muss sich der Kunde einen halben oder ganzen Tag freinehmen, was diesen sicher nicht erfreut. Mit dem richtigen Tool können Sie nach Absprache auf Knopfdruck eine SMS versenden: „Komme in einer Viertelstunde.“ Das ist schon wesentlich besser.

Die Bedürfnisse des Kunden im Blick behalten

Generell sollten Unternehmer branchenspezifisch Trends und Technologien scouten – und dann überlegen: Welche offensichtlichen oder versteckten Bedürfnisse hat der Kunde? Welche Bedürfnisse treiben die Trends in meiner Branche? Wie machen es die Top-Anbieter? Beispiel Warenwirtschaft: Als Kunde fühle ich mich einfach wohl, wenn ich wie bei Amazon jederzeit sehen kann: Das Produkt ist da, wurde gerade verpackt, geht morgen raus, ist auf dem Weg. So etwas kann auch jeder Bauunternehmer, Handwerker, Schreiner seinen Kunden bieten. Dadurch entsteht Sicherheit. Man hat viele sogenannte Touchpoints und kann den Kunden besser binden. Oder Sie können als Schreiner, Händler, Malermeister auch beispielsweise – an so etwas arbeitet IKEA gerade – den Kunden die Möglichkeit bieten, über eine App mit Blick auf ihre Wohnung oder eine spezielle Ecke im Smartphone anzuschauen, wie ein bestimmter Einbauschrank, der Fernseher oder der Teppich in der Zielumgebung aussieht.

Lösungen über Branchengrenzen hinweg anbieten

TRIALOG: Die Welt durch Kundenaugen sehen also …

Michael Durst: Genau, das machen Unternehmen jeder Größe noch generell viel zu wenig. Nehmen Sie einen Hersteller von Werkzeugmaschinen. Wenn der beispielsweise eine Maschine mit Sensorik ausstattet, die erkennt, ob der richtige Arbeitsschutz getragen wird, hat er mit relativ wenig Aufwand ein wichtiges Problem seines Kunden gelöst. Dazu muss man sich natürlich mit einem Hersteller von Arbeitsschutzlösungen austauschen, aber dann entsteht vielleicht eine sogenannte Cross-Industry-Innovation, die pragmatisch umgesetzt werden kann. Oder verständliche Gebrauchsanweisungen per App, in der gebündelt abrufbar ist, was der Kunde über die Bedienung einer Maschine wissen muss. Mit Augmented Reality können heute schon interaktive Gebrauchsanweisungen auch in sehr komplexen Gebieten umgesetzt werden.

Erprobte Rezepte im eigenen Betrieb adaptieren

Unternehmer dürfen generell nicht nur ihren Bereich sehen. Warum sollte ein Schreiner oder Möbelbauer nicht für die Kunden auch Elektrik und Beleuchtung mitplanen? Sie fragen, was mit dem Produkt gemacht wird, und es daran anpassen? Wir leben in einer zunehmend integrierten Welt. Die Kunden wollen heute integrierte Lösungen. Ihnen ist egal, welche Aufgaben der Schreiner und welche der Elektriker umzusetzen hat.

TRIALOG: Stichwort IKEA, Stichwort Amazon – Unternehmer sollten also ruhig gucken, was sich anderswo schon bewährt?

Michael Durst: Ja. Sie sollten ganz generell kontinuierlich den Markt scannen und sich inspirieren lassen: Es gibt ja bereits eine Fülle bewährter Standardlösungen für die verschiedensten Fragestellungen und Bedürfnisse, die längst nicht alle Unternehmen nutzen: Kundenbindungssysteme, integrierte Online-Shops, Produktkonfiguratoren, Warenwirtschaft et cetera.

Die richtigen Entscheidungskriterien nutzen

TRIALOG: Wie finden Unternehmer denn aus den vielen guten Ideen und Angeboten das, was sich für sie wirklich lohnt?

Michael Durst: Die Parameter dafür unterscheiden sich aus meiner Erfahrung von Unternehmen zu Unternehmen eher wenig – sehr wohl aber die Einflussfaktoren und auch das, was der einzelne Unternehmer kurz-, mittel- und langfristig für besonders wichtig hält. Die Parameter sind intern ganz einfach Zeit, Geld und Qualität. Externe Parameter betreffen die Kunden: Hilft mir die Lösung dabei, Kunden zu gewinnen, mehr Umsatz pro Kunde zu machen oder die Kundenbindung zu stärken? Sichert mir die Lösung einen Wettbewerbsvorteil? Kann ich neue Kunden und Märkte damit erobern?

Innovation zu dauerhaftem Prozess machen

Also: erstens Trends und Technologien systematisch und kontinuierlich identifizieren. Sie werden dann periodisch nach den oben genannten Kriterien bewertet, und die in der Summe relevantesten werden mit Inspirationen angereichert. Zweitens Kundenbedürfnisse verstehen, dokumentieren und ebenfalls bewerten. Auf dieser Basis können Ideen gesammelt und ebenfalls nach vorgegebenen Kriterien von idealerweise mehreren Personen bewertet werden. Drittens die Ideen für Produkte und Dienstleistungen evaluieren. Dazu sollte man sich ruhig mit anderen Unternehmern oder Experten austauschen und von deren Erfahrungen profitieren. Viertens Anbieter finden, Angebote einholen und – wenn das Interesse konkret und groß genug ist – möglichst das Angebot testen, in einem abgegrenzten Bereich versuchsweise, für einen einzelnen Beispiel-Vorgang. Fünftens: die Kunden befragen: Ist das für Sie hilfreich? Wie viel ist es Ihnen wert? Was ist der Vorteil der Innovation? Wie würden Sie als Kunde das einschätzen? Denn Sie dürfen nicht vergessen: Die Investition an sich sichert nicht den Erfolg – das ist häufig doch Trial and Error. Aber die Error-Quote lässt sich stark reduzieren. Und Innovation kann als dauerhafter Prozess im Unternehmen implementiert werden und so dessen Zukunft sichern!

Vita:

Professor Dr. Michael Durst ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management sowie Gründer und CEO der itonics GmbH. Als Unternehmensberater hat er Projekte zur Wertsteigerung der IT, zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und zur Produktivitätssteigerung bei diversen Fortune-500-Unternehmen der Branchen Automotive, Utility, Elektrotechnik, Finance, Fashion, FMCG und Plastics geleitet. Seine Themengebiete sind Innovationsmanagement, IT-Strategie, Enterprise-Architecture und Enterprise 2.0 für Kunden.
Foto: Fotolia/Ivelin Radkov

Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.