Wirtschaft & Recht

Die Notdienstreform – eine neue Form der Mangelverwaltung

Wer im Gesundheitssektor selbständig tätig ist, weiß: Er arbeitet in einer hochregulierten Branche. Was das für Auswüchse mit sich bringen kann, zeigt aktuell die Reform des ärztlichen Notdienstes, die den Betroffenen anscheinend nur Nachteile bringt.

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Was ich im Wiesbadener Kurier gelesen habe, klingt haarsträubend. Viele der hier niedergelassenen 700 Ärzte versteigern ihre von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zugewiesenen notärztlichen Dienste und loggen sich dafür zuhauf in die ärztliche Online-Tauschbörse ein. Es geht nicht darum, dass sie keine Zeit haben. Viele Augenärzte, medizinische Psychotherapeuten oder Pathologen – womöglich kurz vor der Rente und seit Jahren ohne allgemeinmedizinische Erfahrung – sehen sich nicht in der Lage, die Verantwortung für einen Not- und Bereitschaftsdienst mit seinen Unwägbarkeiten zu übernehmen. Doch genau das erlegt ihnen die zu Jahresbeginn in Kraft getretene Reform des ärztlichen Notdienstes auf.

Der Dienst ist weg, die Haftung bleibt

Wer medizinische Hilfe in lebensbedrohlichen Fällen braucht, ruft die 112 an oder lässt sich ins Krankenhaus bringen. Wer Beschwerden hat, mit denen er normalerweise in die Arztpraxis geht, erreicht abends und am Wochenende unter 116117 den ärztlichen Not- und Bereitschaftsdienst. Der Notdienst wurde neu strukturiert, um die Situation der Ärzte auf dem Land zu verbessern. Dort müssen diese Aufgabe wenige Mediziner erfüllen, die darum sehr belastet sind. Aber die Nebenwirkungen der Reform sind erheblich und von verantwortlicher Seite wohl kaum durchdacht. „Es ist einfach nur absurd, dass Kollegen, die als einzigen gemeinsamen Nenner das Medizinstudium haben, von einem Tag auf den anderen den gleichen Dienst absolvieren sollen. Vollkommen unabhängig von der gewählten Fachrichtung und Erfahrung“, sagt Dr. Abdi Afsah, der seinen Dienst im April laut Bericht ebenfalls verkauft hat. Noch finden die Notdienstneulinge genug erfahrene Ärzte für ihre Schichten. Doch sie lösen mit dem Tausch nur einen Teil des Problems, die medizinische Verantwortung gegenüber dem Patienten nämlich. Das Problem der finanziellen Haftung bleibt ihnen. Bei einer persönlichen Vertretung „haftet der Arzt für denjenigen, der ihn vertritt“, erklärte die KV schriftlich mit Verweis auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2009.

Fahrtkostenzuschüsse werden gestrichen

Auf dem Land werden derzeit wie geplant die bestehenden Notarztpraxen zentral zusammengeführt, was wohl trotz der für die Patienten längeren Anfahrten „noch gut funktioniert“. Und für die Ärzte nun statt 30 nur noch sechs Dienste pro Jahr bedeutet. Weniger gut dürfte ankommen, dass gerade Ärzte auf dem Land durch die Neuerung weniger Geld für ihre Einsatzbereitschaft bekommen könnten, weil Fahrtkostenzuschüsse wegfallen. Und ob die längere Anfahrt zur Bereitschaftspraxis für Patienten mit unerkannten schweren Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen zu verschmerzen ist, mag ich nicht beurteilen. Vielerorts gab es schon Proteste. Ob sie aber fruchten werden – die Aussagen des Vorsitzenden der hessischen KV klingen nicht danach.

Viele Patienten gehen gleich in die Klinik

Womöglich geht es einfach darum, Geld zu sparen – zumindest zum guten Teil. Teuer werden dürfte das für so manche Klinik. Die in Bad Soden etwa ärgert sich schon jetzt über die zunehmende Zahl von Patienten, die ohne wirklichen Grund in die Notfallambulanz gehen statt zum Notarzt im benachbarten Königstein. Offenbar gibt es für diese Patienten nur 25 Euro. Vorgesehen sind für die im Krankenhaus übliche ambulante Komplettbehandlung eigentlich 120 Euro. Die Klinik in Bad Soden hat denn auch der KV offenbar schon Räume für den Notdienst angeboten. Ob das allerdings eine Lösung ist?
Ich frage mich: Wofür haben wir regional verfasste Kassenärztliche Vereinigungen, wenn es im Ernstfall unmöglich scheint, regional angepasste Lösungen zu finden?
Foto: Shutterstock/In Tune

Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.