Wirtschaft & Recht

Wenn ein Mitarbeiter leidet, muss oft auch der Chef bluten

Grundsätzlich sind Beschäftigte in deutschen Betrieben über Berufsgenossenschaft und Unfallkasse gut abgesichert. Aber auch der Unternehmer muss seinen Teil zum Schutz am Arbeitsplatz leisten. Wird hier geschludert, könnten Entschädigungszahlungen den Betrieb ruinieren.

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Irgendeine Begründung findet sich bestimmt, wenn am Arbeitsplatz auf ausreichende Sicherheitsvorkehrungen verzichtet wird. Im Sommer etwa ist es vielen Beschäftigten auf dem Bau zu warm für schwere Schuhe. Im Winter dagegen passt der Gurt zur Absturzsicherung nicht über die dicke Jacke. Also: weggelassen. Und einige Firmenchefs verzichten auf das Gerüst, falls eine Stelle schlecht erreichbar ist. Oder legen die Sicherheitsfunktion einer Maschine lahm, damit sie während des Betriebs gereinigt werden kann. Dabei ist es mit etwas Planung und Disziplin nicht schwer, am Arbeitsplatz eine Gefahrenabschätzung zu machen und dann auch sinnvolle Sicherheitsvorkehrungen zu ergreifen. Der Unternehmer Joachim Kreuz achtet sogar bei Ferienjobbern akribisch darauf, dass die Vorschriften des Arbeitsschutzes eingehalten werden. Weil die Existenz eines Betriebs gefährdet sein kann, wenn der Firmenchef einen Fehler macht – und weil man nach verantwortungsbewusstem Handeln besser schläft.

Den Gedanken hatten die Vorgesetzten, die für den Tod eines Auszubildenden zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung sowie Geldstrafen verurteilt wurden, wohl kaum. Zur Produktivitätssteigerung einer Glasschleifmaschine wurde die Lichtschranke ausgebaut, die den Betrieb stoppte, wenn jemand in den Arbeitsbereich geriet. Als der Azubi sich zu weit vorbeugte, wurde er eingeklemmt und getötet, weil der Prozess weiterlief. Finanziell noch dramatischer sind die Folgen eines Arbeitsunfalls, über den das Oberlandesgericht Oldenburg geurteilt hat. Da der Firmenchef ein Loch im Dach nicht per Gerüst sicherte, fiel ein Mitarbeiter durch die unsichtbare Öffnung drei Meter tief. Er lebt heute vollständig erwerbsgemindert im Pflegeheim. Die Berufsgenossenschaft, die bereits eine Million Euro gezahlt hat, verlangt eine Erstattung der Kosten. Die Richter gaben ihr Recht mit der Begründung, der Verstoß gegen die Unfallverhütungsvorschriften sei erheblich gewesen und als grobes Verschulden zu werten. Jetzt muss das Landgericht festlegen, was der Betrieb der Berufsgenossenschaft schuldet – die Summe könnte ruinös sein.

Grobe Fahrlässigkeit kann enorm teuer werden

So ein Fehlverhalten ist erstaunlich. Es gibt viele Möglichkeiten, sich konstruktiv mit dem Thema Arbeitssicherheit zu beschäftigen. Das beginnt schon mit der Checkliste des TÜV Süd, wie man sich generell auf Unfälle vorbereitet, von der Ausbildung der Ersthelfer über die Zugänglichkeit von Erste-Hilfe-Material bis zum Vorgehen beim Notruf. Informationen bekommen Firmenchefs auch über die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV), den Spitzenverband der Unfallkassen und Berufsgenossenschaften. Und es gibt spezifische Unterstützungsangebote. Handwerk magazin etwa berichtete über eine App der BG Bau, die als umfangreiches Nachschlagewerk für Sicherheitsaspekte diesem Wirtschaftsbereich dient. Anwender erhalten nicht nur Tipps, wie sich Gefahren und Unfälle auf der Baustelle vermeiden lassen, sondern erfahren auch viel über körperliche und psychische Stresssituationen sowie sinnvolle Gegenmaßnahmen. Die App ist für die Betriebssysteme iOS sowie Android programmiert.
Ehrlich gesagt finde ich, dass es angesichts der Menge und Vielfalt von Informationen zur Arbeitssicherheit keine Begründung dafür gibt, dieses Thema zu ignorieren. Das ist fahrlässig und kann ziemlich teuer werden. Wenn das Landgericht Oldenburg entschieden hat, werde ich Sie informieren.
Foto: gettyimages/Tom Cockrem

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Frank Wiercks

ist Mitglied der Redaktion von TRIALOG, dem Unternehmermagazin für Mittelständler, Selbständige und Freiberufler. Außerdem arbeitet er für verschiedene Wirtschafts- und Managementmagazine. Zuvor war er unter anderem Chefredakteur von handwerk magazin und Markt und Mittelstand.