Wirtschaft & Recht

Leisten Sie sich Mindestlohn-Praktikanten?

Die Lohnuntergrenze von 8,50 Euro ist vom nächsten Jahr an Gesetz. Zumindest teilweise auch für Praktikanten. Sie sollten deshalb Ihre Praktikanten-Strategie überprüfen – aber nicht ganz auf ein Instrument verzichten, mit dem sich Berufsnachwuchs für Ihren Betrieb interessieren lässt.

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Jetzt ist der Mindestlohn durch. In den meisten Branchen müssen Unternehmer ihren Mitarbeitern ab 2015 mindestens 8,50 Euro pro Stunde zahlen, nur in wenigen Fällen gelten Übergangsfristen bis 2017, beispielsweise bei Zeitungszustellern. Ich war überrascht, auf wie viel Zustimmung der Mindestlohn stößt. Nach einer Befragung von Infratest Dimap im Auftrag der ARD-Tagesthemen und der Tageszeitung Die Welt befürworten satte 88 Prozent das Gesetz.

Der Mindestlohn ist vernünftig

Zumindest teilweise gilt das Gesetz auch für Praktikanten. Dieser Punkt sorgt für Aufregung. Aber der Mindestlohn an sich und der Mindestlohn für Praktikanten – das sind zwei Paar Schuhe. Was schon in der Natur der Sache liegt: Bei regulär Beschäftigten geht es um Lohn gegen Arbeitsleistung und nicht zuletzt um Fragen der Subventionierung. Die Neuregelung dürfte der Praxis des ein oder anderen schwarzen Schafs unter den Unternehmern einen Riegel vorschieben, den ergänzenden Hartz-IV-Bezug ihrer Mitarbeiter zum Bestandteil des Geschäftsmodells zu machen – so etwas soll es geben. Es kann nicht sein, dass die Allgemeinheit mit ihren Steuern und Abgaben das sonst nicht tragfähige Geschäftsmodell einiger Firmenchefs subventioniert. Auch betriebswirtschaftlich ist es sinnvoll, Mitarbeiter gut zu bezahlen und sie wertzuschätzen. Bei Praktikanten gelten natürlich oft andere Voraussetzungen. Dem trägt das Gesetz teilweise Rechnung.

Praktikanten leisten manchmal ziemlich viel …

Denn das mit den Praktika ist manchmal wirklich knifflig. Ich finde, die Bundesregierung hat da einen eleganten Kompromiss erreicht. So sind Pflichtpraktika in Ausbildung oder Studium vom Mindestlohn ausgenommen. Auch für freiwillige Praktika von bis zu drei Monaten gilt er nicht. Anders ist das nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums. Dann erhält auch jeder Praktikant die 8,50 Euro pro Stunde – außer, er will in einem anderen als dem erlernten Beruf seine beruflichen Kenntnisse vertiefen. Als Freiberuflerin in der Medienbranche komme ich aus einem der Bereiche, der mitverantwortlich ist für den Mythos von der Generation Praktikum. Und für mich klingt das nach einer machbaren, sinnvollen Lösung. Ich habe nie eine andere Art Praktikum gemacht als die, die nach wie vor vom Mindestlohn ausgenommen wäre. Es waren Pflicht- und freiwillige Praktika vor und während meiner journalistischen Ausbildung.

… und sie sind keine billigen Arbeitskräfte

Ich weiß aber, dass es in der Medien- und Werbewirtschaft oder auch in anderen Branchen viele Betriebe gibt, die sich mit Praktikanten billige und – wie ich weiß – oft sehr gute, manchmal jahrelang erfahrene Arbeitskräfte über Monate hinweg ins Haus holen – trotz guter Gewinne. Während meiner Ausbildung gab es Fälle, dass jemand fünf oder sechs Monate vollwertige Redakteursarbeit leistete, die eigentlich hätte tariflich bezahlt werden müssen. Insofern finde ich den Mindestlohn für diesen Teil der längeren Praktika im gelernten Berufszweig ebenfalls sinnvoll. Und keine schlechte Chance, die Institution Praktikum zu verbessern. Das sehen auch Unternehmer selbst aus den als verdächtiger geltenden Branchen so, etwa Roland Bös, Geschäftsführer der Werbeagentur Scholz & Friends in Hamburg.

Wird die Wirtschaft jetzt umdenken?

Eine Ausnahme? Mal sehen, wie sich die Stimmung in der Wirtschaft entwickeln wird. Eine Umfrage der Marktforschung Index unter 430 Personalverantwortlichen hat ergeben: 46 Prozent wollen keine Praktikanten zum Mindestlohn einstellen, weitere 26 Prozent auf Praktikanten ausweichen, denen der Mindestlohn nicht zusteht. 17 Prozent der Unternehmen planen, künftig generell weniger Praktikanten zu beschäftigten. Elf Prozent der Befragten erklärten, es werde in ihrer Firma keine Änderungen geben. Dass Unternehmer Wirtschaftlichkeitserwägungen anstellen, halte ich für richtig. Dass ein Praktikum Ausbildungszwecken dient, ist ebenso klar. Ausbildung war und ist schon immer etwas, das sich ein Unternehmen leisten muss und wollen muss. Aber das tun Mittelständler sowieso längst – und auf sehr hohem Niveau. Und nicht zu vergessen: auch zu ihrem eigenen Nutzen. Insofern habe ich wenig Sorge um die Mindestlohn-Praktikanten. Es sollte die Minderheit sein.
Foto: Fotolia

Midia Nuri

ist Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem über nutzwertige Unternehmerthemen rund um Betriebsführung oder auch Finanzielles und Steuerliches für verschiedene Branchenzeitschriften, wie etwa den kfz-Betrieb, Die Fleischerei, Der Freie Zahnarzt, Fahrzeug + Karosserie oder auch etwa Das Dachdeckerhandwerk. Außerdem ist sie Chefredakteurin eines Newsletters von BWRMed!a zum Thema Steuern und Bilanzierung. Zu Steuer- und Finanzthemen bloggt und twittert sie derzeit sporadisch unter ladygodiva-blog.de und twitter.com/LadyGodivaBlog.