Technologie

„Industrie 4.0“ erfordert eine neue Art der Qualifizierung

Die Hannover Messe sagt die Digitalisierung der Industrie voraus. „Integrated Industry“ funktioniert aber nur mit exzellent ausgebildeten Fachkräften, die Maschinen und Anlagen bedienen können, so VDE und BITKOM. Da sollten Sie schon jetzt an die Fortbildung Ihrer Mitarbeiter denken.

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War doch alles nur ein Hype? Musste dringend ein griffiges Motto gefunden werden, um auch die Hannover Messe 2013 um jeden Preis zum Trendsetter zu machen? Um publikumswirksam die klassische Industrie mit modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu vermählen? Nach fünf Messetagen jedenfalls scheint bei der „Industrie 4.0“ Ernüchterung einzukehren. Vor der Eröffnung war die bevorstehende umfassende Digitalisierung, eine Art „Internet der Dinge der Industriebranche“, noch groß angekündigt worden. „Maschinen, Anlagen, Werkstücke und Bauteile werden Daten und Informationen in Echtzeit austauschen. Hierdurch wird es in Produktion und Logistik einen Schub für Effizienz, Sicherheit und Ressourcenschonung geben“, so Jochen Köckler, Vorstand der Deutschen Messe. „Experten sprechen angesichts dieser technischen Entwicklung nach Dampfmaschine, Massenproduktion und Automatisierung von der vierten industriellen Revolution.“

Maschinen könnten weitgehend autonom arbeiten

Die Idee: In der „Integrated Industry“ wird unternehmens- und branchenübergreifend eng zusammengearbeitet. Neue Technologie verkürzt die Kommunikationswege und macht die Zusammenarbeit effizienter. Intelligente Werkstoffe teilen den Maschinen mit, wie sie bearbeitet werden wollen. Ein digitales Produktgedächtnis ermöglicht eine lückenlose Dokumentation über den ganzen Lebenszyklus eines Bauteils. Wartung oder Instandsetzung werden von Bauteilen selbst initiiert. Intelligente Komponenten in hochkomplexen Anlagen melden selbständig Fehler an Überwachungssysteme und veranlassen so Reparaturen sowie alle Schritte, um weitere Schäden in der Anlage zu verhindern. Ein interessanter Überblick über künftige Möglichkeiten findet sich bei „heise-online“.

Aber noch wird die „Industrie 4.0“ stark ausgebremst

Tatsächlich zeigt eine aktuelle Studie des Verbandes der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), dass die „Industrie 4.0“ noch auf sich warten lässt. Die meisten Unternehmen sehen eine Realisierung nicht vor 2025, also in gut einem Jahrzehnt. Größte Bremsklötze seien IT-Sicherheitsprobleme, fehlende Normen und Standards sowie der hohe Qualifizierungsbedarf. Auch der Branchenverband BITKOM beklagt, dass die Industrie in Deutschland bei der Nutzung des Internets noch nicht so weit ist wie die Dienstleistungsbranche. „Die Industrie ist schwieriger zu digitalisieren“, sagte René Arnold, Projektleiter der vom BITKOM und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) veröffentlichten Studie „Wirtschaft Digitalisiert“.

VDE und BITKOM fordern mehr Weiterbildung

Natürlich wird die Informationstechnik die Fabrikhallen erobern – nur eben etwas später, als es der PR-Rummel im Umfeld der Hannover Messe erwarten lassen könnte. Aus den Studien von VDE und BITKOM sind durchaus die Chancen der „Industrie 4.0“ herauszulesen, und die meisten zu diesem Thema befragten Unternehmer meinen, dass die Industrie auf mittlere Sicht massiv vom Einsatz der Informations- und Telekommunikationstechnologien im Umfeld des klassischen Maschinen- und Anlagenbaus profitieren wird. Einer großen Herausforderung müssen sich Wirtschaft und Gesellschaft allerdings schnellstens stellen: der Qualifizierung möglichst vieler Beschäftigter für die Arbeit in diesem Umfeld. Derzeit, davon sind die Firmenchefs überzeugt, seien vor allem Hochschulen nicht darauf vorbereitet. Aber auch Ausbildungsbetriebe und alle anderen Institutionen müssen umdenken, denn die Auswirkungen der „Industrie 4.0“ auf den Arbeitsalltag könnten gravierend sein. Auf die Frage eines Journalisten, wo dann der Platz für ungelernte oder angelernte Mitarbeiter sei, antwortete Siegfried Russwurm, CEO des Siemens Industry Sector: „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, für das die Industrie keine Lösung hat.“
Haben Sie als Firmenchef dafür eine Lösung, zumindest für Ihren Betrieb? Nach einer Auswertung des BITKOM hat im vergangenen Jahr nur jedes fünfte mittelständische Unternehmen in Deutschland seinen Mitarbeitern eine IT-Fortbildung ermöglicht. Im Vergleich von 31 europäischen Ländern liegt die Bundesrepublik damit lediglich auf Platz 13. Bei den Spitzenreitern Norwegen und Finnland gab es doppelt so viele Schulungen. Wenn die deutschen Unternehmen es mit der „Industrie 4.0“ ernst meinen, müssen sie hier bald wieder Anschluss finden.
Foto: Hannover Messe

Frank Wiercks

ist Mitglied der Redaktion von TRIALOG, dem Unternehmerblog für Mittelständler, Selbständige und Freiberufler. Außerdem arbeitet er für verschiedene Wirtschafts- und Managementmagazine. Zuvor war er unter anderem Chefredakteur von handwerk magazin und Markt und Mittelstand.