Wirtschaft & Recht

Wer zahlt eigentlich die Energiewende? Nicht die Großen!

Haben Sie sich mal Ihre Stromabrechnung genauer angeschaut? Vielleicht gar einen Jahresvergleich gemacht? Dann wissen Sie, wovon ich rede. Der Umstieg auf erneuerbare Energien mag ein gute Sache sein. Aber die Energiewende trifft über die EEG-Umlage vor allem den Mittelstand.

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Viele kleine und mittlere Betriebe produzieren mit einem modernen Maschinenpark und müssen deshalb mit der Kostengröße Energie rechnen. Das gilt auch für mein Unternehmen. Also schließen wir langfristige Stromkontrakte ab, um wenigstens für einen überschaubaren Zeitraum von zwei bis drei Jahren kalkulieren zu können. Leider funktioniert es neuerdings kaum noch so wie geplant. Nicht das mit den Verträgen – die Lieferung zu vereinbarten Kosten klappt tadellos. Leider kommt für uns Mittelständler inzwischen eine unberechenbare Größe ins Spiel, die jede seriöse Kalkulation unmöglich macht. Die öffentlichen Abgaben namens EEG, KWKG, Stromsteuer und seit 2012 der §19 NEV. Diese Abgaben erreichen mittlerweile über 35 Prozent des eigentlichen Strompreises. Und von diesen 35 Prozent entfallen über 60 Prozent auf den Posten „EEG“ – die erneuerbaren Energien.

Natürlich muss der Zubau von erneuerbaren Energien irgendwie bezahlt werden

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die „Erneuerbaren“ sind wichtig. Ich habe selber eine Fotovoltaikanlage. Unser Betrieb arbeitet der Windkraftbranche als Dienstleister zu. Ich sehe die grundsätzlichen Vorteile und Chancen solcher Technologien für den Standort Deutschland. Und bin deshalb bereit zu akzeptieren, dass der Zubau von erneuerbaren Energien bezahlt werden muss, vielleicht auf absehbare Zeit auch über Subventionen.
Unverständlich ist mir allerdings, dass es so viele Entlastungen für die Großindustrie gibt. Warum muss sie sich beispielsweise nicht am EEG beteiligen? Mein Unternehmen verbraucht im Jahr mehr als eine Million Kilowattstunden Strom. Im Jahr 2009 haben wir rund 12.500 Euro allein an EEG-Umlage bezahlt. 2010 gab es eine Erhöhung um 81 Prozent, was Kosten in Höhe von sage und schreibe 22.500 Euro verursachte. Aber damit nicht genug. 2011 ist der Satz um weitere 72 Prozent auf rund 39.000 Euro gestiegen. Bei solchen Sprüngen darf das Jahr 2012 mit einer angekündigten Erhöhung von gerade mal zwei Prozent als Glücksfall gelten. Leider stehen plötzlich wieder bis zu 32 Prozent als nächste Steigerung im Raum. Dann durchbrechen wir locker die 50.000-Euro-Marke. Und für 2014 wird inzwischen mit einer weiteren massiven Erhöhung gerechnet. Wie soll man als Unternehmer sein Geschäft planen, wenn der Rohstoff Energie so unberechenbar und ungerecht teurer wird?
Wie ungerecht das System der Kostenverteilung von oben nach unten ist, das sich hinter vielen ominösen Paragrafen und Abkürzungen versteckt, verdeutlicht übrigens eine Prognose des Referats KI III 1 „Allgemeine und grundsätzliche Angelegenheiten der Erneuerbaren Energien“ im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit vom 15. Oktober 2011 mit dem Titel „Informationen zur Anwendung von § 40 ff. EEG (Besondere Ausgleichsregelung) für das Jahr 2011 einschl. erster Ausblick auf 2012“. Zitat: „Werden die in diese Rechnung eingeflossenen Annahmen zur Inanspruchnahme der Besonderen Ausgleichsregelung übernommen, ist 2011 eine Begünstigungs- und Umverteilungswirkung der BesAR von rund 2,2 Milliarden Euro zu erwarten. Hiervon entfallen rund zwei Milliarden Euro auf Unternehmen des produzierenden Gewerbes. Diese Abschätzung ist naturgemäß noch stark unsicherheitsbehaftet und könnte sich – je nach Inanspruchnahme der BesAR und Entwicklung sonstiger Parameter – durchaus noch um einige Hundert Millionen Euro erhöhen.“ Aha: Gut zwei Milliarden Euro Entlastung bei rund 600 Großbetrieben werden auf uns alle verteilt …

Das System der Kostenverteilung ist ungerecht und schont die Konzerne

Ach ja, für 2012 hat sich der Gesetzgeber noch etwas Interessantes einfallen lassen, eine neue Abgabe. Die Bundesregierung will energieintensive Unternehmen entlasten und so den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken. Dazu wurde die Stromnetzentgeltverordnung (StromNEV) geändert. Seitdem können bestimmte Unternehmen von individuellen oder niedrigeren Netzentgelten profitieren. Die Kosten, die hierfür anfallen, werden auf die Netzentgelte aller umgelegt. Und wer zahlt am Ende die Zeche? Natürlich die Privatverbraucher und wir, der Mittelstand. Diese Umlage belastet meinen Betrieb mit weiteren rund 2.500 Euro. Und vermutlich ist auch hier schon die nächste Erhöhung geplant. Offenbar halten es die Politiker aller Couleur für ungefährlicher, Hunderttausende Mittelständler und Millionen Privatverbraucher mit vermeintlich kleinen Summen zu melken, als sich mit den wirklich großen Stromfressern anzulegen.
Ich muss mich wundern, wie ruhig wir Unternehmer bei diesem Thema bleiben. Es wird Zeit, dass wir uns gegen die Großindustrie zur Wehr setzen. Wenn alle Stromverbraucher ihren gerechten Teil an den Kosten zum Ausbau der „Erneuerbaren“ tragen würden, wäre die Belastung aller nicht ganz so hoch und sicher erträglicher. So, wie es heute ist und wie die Prognose für die Zukunft aussieht – so kann es nicht weitergehen.
Foto: Plainpicture

Carsten Röttgers

ist Geschäftsführer der auf Oberflächenbeschichtung spezialisierten Karl Röttgers GmbH in Papenburg. Der Diplom-Betriebswirt war unter anderem Bundesvorsitzender der Junioren des Handwerks und hat sich auf deutscher und europäischer Ebene für die Interessen kleiner und mittlerer Betriebe aus dem Handwerk eingesetzt. Er twittert unter twitter.com/roettgers